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DSDS — Mobbing wird zum Quotenknaller

Sonntag, 10. Februar 2008 · 3 Kommentare

„Deutschland sucht den Superstar“, seit 23. Januar 2008 in der fünften Staffel auf Sendung, ist derzeit regelmäßig mit mehr als 30 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen das Maß aller Dinge in der deutschen Fernsehunterhaltung. Obwohl das Format mittlerweile sechs Jahre alt und damit alles andere als unbekannt ist, ebbt die Kritik der Medienhüter nicht ab sondern erreicht derzeit ihren Höhepunkt. Durchaus nicht zu unrecht …

RTLBeunruhigende Tendenzen lassen sich ausmachen bei „Deutschland sucht den Superstar“. War es bisher lediglich ärgerlich, dass die Macher des Formats offenbar nicht an einem langfristigen Künstleraufbau interessiert schienen, sondern sich mit dem Pushen ihrer gehypten Eintagsfliegen bis zum Beginn der neuen Staffel begnügten, präsentiert sich das Format nun in einem gänzlich anderen, düsteren Licht.

Schaltet man die Casting-Zusammenfassungen der aktuellen Staffel ein, wird schnell klar, dass der Schwerpunkt der Sendung derzeit nur darauf liegt, untalentierte Bewerber vorzuführen und in unangebrachter Weise lächerlich zu machen. Nahm das Einstreuen schräger Typen in den ersten Staffeln noch einen relativ geringen Stellenwert ein, hat sich dies vollends ins Gegenteil verkehrt. Heute werden die Bewerberinnen und Bewerber mit Potenzial am Ende der Sendung in einer kleinen zusammengeschnippelten Jubelcollage gezeigt. Der Rest der Sendezeit gehört der „medienwirksamen öffentlichen Beschimpfung“ wie Dr. Erich Jooß, Vorsitzender des Medienrats der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, es ausdrückt.

Kritik ist vor allem deshalb angebracht, weil die Produzenten der Sendung neben den deutlichen — teilweise zu drastischen — Beurteilungen von Dieter Bohlen, an der bewussten Manipulation der gezeigten Szenen Gefallen gefunden haben. Kommt beispielsweise eine mollige Bewerberin forschen Schrittes mit schwingender Oberweite ins Audienzstübchen getrabt, wird das aus dem Off hämisch mit läutenden Kirchenglocken unterlegt. Gibt ein Teilnehmer aufgrund seiner Nervosität oder einfachen Mißverstehens eine nicht in den Kontext passende Antwort, wird auf digitale Weise sein Kopf durchleuchtet und in Simpsons-Manier ein erdnussgroßes Gehirn eingeblendet. Außerdem werden Situationen durch gezielt nachgedrehte Einstellungen manipuliert und in ihrer Aussage verändert.

Alles in allem handelt es sich also nicht mehr um die Wiedergabe der realen Casting-Situation. „Inszenierte Infamie“, poltert Jooß. Und richtig: Alle Bewerber singen vor ihrem Auftritt vor der offiziellen DSDS-Jury zusätzlich vor einer aus „Musikjournalisten“ bestehenden Jury. Nicht ungewöhnlich, schließlich ist ein enormer Ansturm an Teilnehmern zu bewältigen. Aber ausgeschiedene Kandidaten berichten, dass vor allem das Mittelfeld aussortiert wird. Weniger talentierten Mitstreitern und solchen mit kurioser Optik hingegen werde gezielt Hoffnung gemacht. Ben Elton nennt diese Lieblingskandidaten der Fernsehmacher in seinem Roman Chart Throb „Minger“. Frei übersetzt: „Die echten Opfer, die Jammergestalten, die Kurzsichtigen mit dicken Glasbausteinen, die Missgestalteten, die Fettleibigen, die geistig Unterbemittelten und die aknegeplagten Nerds.“ Ein kleiner redaktioneller Beitrag wird gedreht, dann werden die Opfer gebeten, in gleicher Montur noch einmal zum Vorsingen vor Dieter und Co. zu erscheinen.

„Dieter und Co.“ — ein gutes Stichwort. In den meisten Fällen ist sich die aktuelle Jury — bestehend aus Anja Lukaseder, „Bär“ Läsker und eben Poptitan Bohlen — nämlich auffallend einig. Kein Wunder allerdings, denn ehemalige Jurymitglieder (wie Thomas Stein, Thomas Bug oder Heinz Henn), die dem „pöbelnden Zuschauermagneten“ etwas entgegenzusetzen hatten, mussten freiwillig die Sendung verlassen oder auf Bohlens Wunsch hin entfernt werden.

Auffällig ist die zunehmende Verrohung der getroffenen Jury-Urteile, auch wenn diese Entwicklung an sich nicht verwundern darf: Die Zuschauer sind aus den vorigen Staffeln einiges gewöhnt, ihre Erwartungen müssen also am besten noch übertroffen werden, um eine möglichst gute Quote zu erlangen. Daher bezeichnet Bohlen einen offensichtlich an Jungs interessierten Bewerber, der nach dem Casting noch einmal mit Mutti und Gesangslehrerin an das Jurypult herantritt, hinterrücks ohne Bedenken als „Vollschwuchtel“. Unabhängig davon, ob dieses Urteil gerechtfertigt sein mag oder nicht — so etwas sollte nicht über den Äther gehen. Schon allein deshalb, um homophoben Gesellschaftsgruppen keinen neuen Zündstoff zu bieten.

Gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS kündigte ein RTL-Sprecher nun an, die Nachmittagswiederholungen der Sendung anders zu schneiden und teilweise zu „überpiepsen“. Dass dieser Schritt dem durchschimmernden „fatalen Gossenimage“ (O-Ton Jooß) entgegen wirkt, bleibt zu bezweifeln.

Meiner Meinung nach betreibt RTL mit diesem Format im Moment lediglich „mediales Mobbing“. Der Begriff in diesem Zusammenhang mag unpassend erscheinen, aber Mobbing bedeutet, dass „jemand zumeist am Arbeitsplatz — aber auch in anderen Organisationen — fortgesetzt geärgert und schikaniert wird“. Nichts anderes bewirkt RTL mit der Bloßstellung der untalentierten Kandidaten: Wenn Hoffnungen geschürt, Peinlichkeiten geplant und offensichtlich Hilfebedürftige vorgeführt werden, dann ist das für mich Mobbing — zumal sich die Schikanen nach dem TV-Auftritt (begünstigt durch die Nennung des vollen Namens und des Wohnorts) auch außerhalb der Mattscheibe fortsetzen können. Entschuldigungsversuche von RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer („Die Kandidaten geben RTL schriftlich ihr Einverständnis, dass ihr voller Name und der Wohnort genannt werden dürfen“) zählen da nicht. Viele Kandidaten haben offenbar psychische Probleme und ihre Unwissenheit ob der drohenden Folgen darf deshalb noch lange nicht schamlos ausgenutzt werden.

Die Versuche, der Sendung durch anrührende Geschichten ein menschlicheres Image zu verleihen, fallen leider ebenfalls bedenklich aus. Treffender ausgedrückt handelt es sich dabei um das zweifelhafte Ausschlachten von Schicksalsschlägen. Die an ALS leidende Lori Mai wegen ihrer stimmlichen Leistung nicht weiterkommen zu lassen, erscheint aufgrund ihrer guten Darbietung jedenfalls mehr als heuchlerisch. Dass die Teilnahmestrapazen für eine gehbehinderte Frau mit eingeschränkter Lebenserwartung zu anstrengend gewesen wären, war für die Jury dann offenbar doch eine zu deutliche Wahrheit, die sich niemand auszusprechen wagte — auch ein Dieter Bohlen nicht. Ebenfalls in die Kritik geraten war RTL für ein Interview mit Recall-Kandidat Christopher, das auf einem Friedhof stattfand. Sein Vater war einen Tag nach dem Casting verstorben. ■

http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=25229
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,532138,00.html
http://www.20min.ch/unterhaltung/people/story/31402493
http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=25276
 

Kategorien: RTL
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3 Antworten bis hierher ↓

  • Franziskus // Montag, 11. Februar 2008 um 2:38

    Also eigentlich ist diese ganze DSDS-Debatte ja ein alter Hut. Und viele, die da vorsingen, haben ein hartes Urteil auch verdient (bzw. provozieren es bewusst). Aber momentan kann ich auch eine Tendenz zum Vorführen offenbar sogar etwas zurückgebliebener Kandidaten feststellen. Pfui, RTL!

  • Angel // Mittwoch, 20. Februar 2008 um 15:05

    Mobbing scheint mir da doch ein treffendes wort. man sollte echt aufpassen,dass einem das alles nicht entgleitet und dem einhalt gebieten.

    vor allem sollte es sich nicht steigern, falls es in den kommenden jahren wieder dsds shows geben sollte

  • Daniel // Mittwoch, 20. Februar 2008 um 20:32

    Ich find’s gut, dass RTL jetzt Strafe zahlen muss. 100.000 EUR finde ich aber viel zu wenig. Das holen die ja mit ein oder zwei Werbespots wieder rein… Lachhaft. :p

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