„Eklat“ bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises: Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker und Gastgeber der in den 90er Jahren eingestellten Fernsehsendung „Das literarische Quartett“, mag die Auszeichnung für sein Lebenswerk nicht annehmen.
„Ich finde das auch schlimm, dass ich das hier erleben musste“, poltert der resolute 88-Jährige am Samstagabend im Coloneum ins Mikrofon und holt aus zum Rundumschlag gegen die versammelte Medienbranche. Früher habe er häufig Wichtiges im 3sat-Programm gesehen, aber das habe sich jetzt geändert. „Meist kommen da schwache Sachen, aber nicht diesen Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben.“
Eine Diskussion um niveauvolles Programm scheint mir durchaus angebracht, aber Marcel Reich-Ranicki mit seiner Globalkritik ist mir zu undifferenziert. Natürlich war sein Auftritt extrem unterhaltsam und ohne Zweifel der Höhepunkt des Abends. Aber auf mich macht er den Eindruck eines abgekapselten Intellektuellen, der — durch die Ehrung aufgeschreckt — seit Langem wieder einmal in Kontakt mit dem Medium Fernsehen gekommen ist. Ich lobe Thomas Gottschalks gütlichen Vorschlag einer Sondersendung zur Lage der Fernsehlandschaft. Sein Einfall zeugt von Kompetenz und Größe und ist zugleich Beweis seiner guten Gastgeberqualitäten, die ihm so häufig abgesprochen werden. (Nicht auszudenken, wenn sich eine solche Szene schon letztes Jahr bei Moderationsmaschine Marco Schreyl abgespielt hätte!) Dennoch verspreche ich mir von dem Termin am kommenden Freitag im ZDF nicht viel: Marcel Reich-Ranicki wird poltern ohne wirklich Ahnung zu haben und — seien wir doch ganz ehrlich — beschränkte man sich darauf ausschließlich Programme zu senden, die dem Literaturkritiker angebracht erschienen, würden geschätzte 80 % der Deutschen ihre Abende fortan im Internet verbringen. (Nicht auszudenken, was passiert, wenn sich der alte Herr einmal unverhofft in den Untiefen dieses Mediums verirren sollte…)
Ein Diskurs mit Senderchefs, Fernsehmachern und Zuschauern könnte zwar fruchtbarer sein und handfestere Ideen hervorbringen, doch auch auf diese Weise dürfte sich nur schwerlich eine spürbare Besserung herbeiführen lassen. Denn: Die Macht der Zuschauer ist zwar groß, aber solange wir unser „Dann schauen wir eben was kommt“-Verhalten nicht ablegen, wird es für die Verantwortlichen keine Notwendigkeit zur Änderung geben.
Zurück zur Preisverleihung und hin zur Frage „Was wäre der Deutsche Fernsehpreis ohne den Eklat gewesen“? Nur ein weiterer kläglicher Versuch, aus Köln-Ossendorf Hollywood zu machen. Das Coloneum ist eben nicht das Kodak Theatre und die dudelige Konservenmusik von Uwe Fahrenkrog-Petersen bei weitem nicht so stimmungsvoll wie ein vollbesetzes Live-Orchester. Als Zuschauer gähne ich bereits zu Beginn, als Christiane Hörbiger mit vollkommen unangebrachtem Pathos ihre witzlose Laudatio auf die „Beste Serie“ abliest, und ich ekele mich kurz darauf vor Jan-Josef Liefers überheblichem Auftreten. Veronica Ferres ist gefühlt jedes Jahr nominiert, hat den Preis aber überraschenderweise zum ersten Mal bekommen. Häufig habe ich den Eindruck, dass Sendungen nur deshalb nominiert sind, weil man andernfalls nicht drei Favoriten pro Kategorie zusammenbekommen würde: „Achtung! Hartwich“ als beste Late-Night-Unterhaltung vorzuschlagen, entbehrt jedenfalls aufgrund des mauen Konzepts und der noch schlechteren Quoten jeglicher Grundlage.
Ja — und dann gewinnt auch noch „Deutschland sucht den Superstar“ den Preis als „Beste Unterhaltungssendung“. Die Kernidee der Show ist sicherlich interessant und ohne weiteres preisverdächtig. Zudem ist die Sendung hochwertig produziert, keine Frage: Musiziert wird mit einer großen Studioband, die Übertragung erfolgt live. Aber das Drumherum — die Castingberichterstattung, die aufgebauschten Skandälchen, die grottige Moderation und das Abservieren der Sieger pünktlich zur neuen Staffel — hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Prompt untermauert Fettnäpfchen-Talent Marco Schreyl diesen Eindruck als es in seiner „Dankesrede“ unbeholfen aus ihm herausbricht: „Ihr Kritiker könnt uns vielleicht nicht leiden, aber von den Zuschauern werden wir geliebt. Und deshalb machen wir weiter – noch gaaaanz lange.“ (sinngemäß)
Aber es gibt auch Highlights an diesem Abend, die alle Mittelmäßigkeit und Möchtegernbemühungen vergessen machen: Die Dankesrede von Michael Gwisdek ist köstlich und Ralf Schmitz ist wider Erwarten nicht peinlich albern sondern charmant und herzlich. Merke: Mit den richtigen Leuten klappt’s.
Abschließend kann ich nur den Kopf schütteln über Elke Heidenreich. Sie wettert in ihrer FAZ-Kolumne nicht nur gegen den Fernsehpreis an sich („armselige, grottendumme Veranstaltung“) sondern auch gegen Moderator Thomas Gottschalk („nicht intelligent, nicht charmant, keinen Witz“). Leider erinnert mich ihr Verhalten sehr an die Fabel vom Fuchs und den Trauben. Schließlich wäre sie selbst gern als Laudatorin für MRR Teil dieser „hirnlosen Scheiße“ gewesen und war durchaus pikiert als man ihr mitteilte, Thomas Gottschalk werde die Überreichung des Ehrenpreises selbst vornehmen. Wenn sie ein Problem mit derartigen Veranstaltungen hat und sich eigentlich nur beim Henri-Nannen-Preis wohlfühlt, wundert es mich doch sehr, dass sie vor nicht all zu langer Zeit freudestrahlend und kritiklos einen „Bambi“ entgegen genommen hat bzw. sich nach ihren Erfahrungen dort trotzdem noch zum Fernsehpreis schleppt.
Schließen möchte ich heute mit einem Zitat von Thomas Gottschalk, der die Geschehnisse des Abends ungewöhnlich treffend zusammenfasst: „Wenn ich als schlichtes Gemüt in der Blüte meiner Jahre schon bisweilen am Niveau unseres Fernsehens verzweifle, darf man sich nicht wundern, wenn ein Intellektueller im Herbst seines Lebens davor die Flucht ergreift.“ ■
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EE91B6E359E494E34BE66891A5D35B7AB~ATpl~Ecommon~Scontent.html
1 Antwort bis hierher ↓
DSDS 2009 // Donnerstag, 30. Oktober 2008 um 13:55
Das war aber trotzdem eine geile Aktion.