„Das Supertalent“ 2012: Die Staffelpremiere

Gestern um 20.15 Uhr flimmerte die erste Ausgabe der neuen Supertalent-Staffel über die Bildschirme. Wie seit Wochen bekannt sitzen dieses Mal Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk neben Dieter Bohlen in der Jury.

Eine Bestandsaufnahme nach 60 Minuten Sendezeit.

Ob Thomas Gottschalk selbst davon überzeugt ist, dass seine Zusage als Juror beim Supertalent eine gute Idee war?

Geradezu unwohl scheint er sich zu fühlen, wenn er am Jurypult sitzt. Ein leerer Blick, zwei Augen, in denen nichts mehr funkelt. Nicht selten erhascht man sogar einen skeptischen bis angeekelten Ausdruck, wenn – wie so häufig beim Supertalent – ein kleines Kind oder ein bemitleidenswerter Weltfremder der Menge vorgeführt wird. Zu oft jedoch weichen diese ehrlichen Offenbarungen seines Innenlebens ganz schnell und professionell einer starren, aufgesetzten Fröhlichkeitsmaske.

Etwas länger spürbar bleibt Gottschalks Abneigung, als Dieter Bohlen sich beim Auftritt eines wenig begabten Wolfgang-Petry-Imitators mit dem Buzzern genüsslich Zeit lässt, jede Sekunde auskostet und das fehlende dritte X so lange hinauszögert bis das Publikum ihn in Sprechchören dazu anfeuert, dem Elend ein Ende zu bereiten. Wie ein Dolchstoß wird die Szene zelebriert, ein Dolchstoß in das Herz eines unschuldigen Medienfremden, der sich selbst nicht richtig einschätzen kann.

Besonders pikant: Sowohl auf der Bühne als auch beim Backstage-Gespräch erklärt der Kandidat, er habe mit den verantwortlichen Redakteuren ausdrücklich einen Vollplayback-Auftritt abgestimmt. Auf das eingespielte Halbplayback, bei dem die Singstimme fehlt, sei er gar nicht vorbereitet gewesen.

Singen wollte der Mann also nie, lediglich zur Konservenmusik performen. In so einem Fall von Manipulation und bewusstem Vorführen eines unbedarften Gemüts zu sprechen, ist sicherlich nicht übertrieben. Erstaunlich, dass die Produktionsfirma und RTL diesen Beweis für ihr unlauteres Treiben in der endgültigen Schnittfassung der Sendung behielten.

Thomas Gottschalk hat eine neue Aufgabe

Thomas Gottschalk hat eine neue Aufgabe

Aber zurück zu Thomas Gottschalk: Waren in den vergangenen Staffeln nur die Kandidaten auf der Bühne Ziel des Spotts, bleibt dieses Mal auch der ehemalige „Wetten, dass..?“-Moderator als neues Jury-Mitglied nicht vor Häme gefeit. Gern greifen die Sendungsverantwortlichen O-Töne eines rundlichen Kinderkandidaten auf, der sehr wohl Dieter Bohlen und Michelle Hunziker beim Namen nennen kann, dem aber Thomas Gottschalk nur als „Mann aus der Haribo-Werbung“ bekannt ist. Die subversive und unmissverständliche Botschaft der Redaktion ist klar: „Deine ruhmreichen Tage als Moderator der größten Unterhaltungsshow Europas sind längst gezählt, in unserer Sendung und beim jungen Publikum spielst Du neben Dieter nur noch die zweite Geige.“

Während es Thomas Gottschalk offensichtlich nur darum ging, nach dem Aus seiner wenig erfolgreichen Vorabendsendung überhaupt irgendwo mitspielen zu können, stellt sich die Frage, ob dies nicht zwangsläufig dazu führt, dass er Glaubwürdigkeit und Ansehen leichtfertig verspielt.

Seit die sinkenden „Wetten, dass..?“-Quoten von den Medien thematisiert wurden, versuchte sich Gottschalk als Verfechter des Qualitätsfernsehens zu positionieren. Das bohlentypische Niedermachen von Kandidaten war ihm ein Graus, über Dschungelcamps und Ekelprüfungen machte er sich lustig. Geschah dies nun aus echter Überzeugung oder machte sich dort schlicht der gekränkte Stolz eines gestürzten Quotenkönigs bemerkbar?

Der verzweifelte Versuch, „Wetten, dass..?“ im Gegenprogramm zum RTL-Dschungelcamp mit einer Kot-Wette zu würzen, legt Letzteres nahe. Und auch die Zusage als Juror neben Bohlen spricht für sich.

Peinlicher und unglaubwürdiger wird es nur noch dann, wenn Gottschalk sein eigenes Urteil (z.B. berechtigte Zweifel, ob die ein oder andere Nummer im Halbfinale noch ausbaufähig seien) wie ein Fähnchen im Winde dem Urteil des Chef-Jurors Bohlen anpasst oder in markiger Bohlenmanier selbst ein paar fiese Sprüche raushaut.

In Gottschalks Haut möchte man dieser Tage wirklich nicht stecken. Die Zusammenarbeit mit Bohlen muss für ihn wie ein fieser, bohrender Nadelstich sein.

Im März 2006 programmierte RTL den fürs Kino produzierten, dort aber nie gezeigten Zeichentrickfilm „Dieter – Der Film“ gegen Gottschalks Samstagabend-Flagschiff „Wetten, dass..?“. Eine Programmierung mit geringen Erfolgsaussichten – damals nicht ungewöhnlich, denn die Fernsehsender leisteten Gottschalk mit minderwertiger B-Ware stets geringen Widerstand. Umso überraschter dürfte man am nächsten Morgen in Köln gewesen sein, als man einen Blick auf die Quoten warf: Bei 5,51 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 15,9 % wird sich der ein oder andere Verantwortliche verwundert die Augen gerieben haben. Kein guter Tag für Gottschalk, denn fortan galt „Wetten, dass..?“ als angreifbar und sein persönlicher quotenbezogener Spießrutenlauf nahm seinen Anfang. RTL-Shows wie DSDS pausierten nicht mehr, wenn Gottschalk auf Sendung ging, die Quoten in der jungen Zielgruppe gingen nach für nach zurück.

Die Omnipräsenz der Quotendebatte scheint bei Gottschalk ein nachhaltiges Trauma ausgelöst haben. Dabei ist der sinkende Erfolg von „Wetten, dass..?“ beinahe ein Stück herbeigeredet. Während in den 80er Jahren Fernsehserien mit 18 Mio. Zuschauern als großer Erfolg galten, war dies in den 2000er Jahren bereits bei Fernsehserien mit 6 Mio. Zuschauern der Fall. Die absolute Zahl beträgt in diesem Fall nur noch ein Drittel des vormaligen Wertes. „Wetten, dass..?“ als große Samstagabendshow hatte in den 80er Jahren in der Regel 15-17 Mio. Zuschauer, pendelte sich am Ende zwischen 9 und 10 Mio. Sehern ein. Immerhin zwei Drittel der früheren Bestwerte konnten somit gehalten werden.

Die neue Supertalent-Jury

Die neue Supertalent-Jury

Aber vorbei ist vorbei: Quotengeil sitzt Gottschalk nun neben seinem alten Widersacher beim „neuen Supertalent“. Dort hat man an vielen Schräubchen gedreht, um die Sendung frischer wirken zu lassen: Neue Jury, neue Titelmusik, neuer Aufzeichnungsort, neue Einzelmoderation, neuer Goldbuzzer, neue Sternmedaillen für die Viertelfinalisten. Dennoch tragen die Modifikationen kaum zu einer geänderten Wahrnehmung oder einem überraschenderen Seherlebnis bei. Einzig und allein die Reduzierung der ständigen Rückblenden und Zeitlupen fällt positiv auf – aber ich will mich nicht zu früh freuen: Damit könnte es schnell wieder vorbei sein – wenn Michelle ihren bösen, bösen Unfall hat.

Deutschlandweit bewirbt RTL die Sendung auf riesigen City-Light-Postern mit der Tagline „Es wird Zeit für einen größeren Fernseher“. Nach 60 Minuten zuschauen kann ich voller Überzeugung sagen, es wird Zeit den Fernseher auszuschalten. ■

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Schwelendes Buschfeuer bei „Wetten, dass… ?“

Ab 20.15 Uhr erstmal bei „Wetten, dass… ?“ reinschauen und dann um 21.30 Uhr zum Dschungelcamp wechseln – so sah meine Fernsehplanung für gestern Abend aus. Doch schon nach einer Viertelstunde fand ich „Wetten, dass… ?“ ekliger als alles, was ich bisher im Dschungel zu sehen bekam…

Schon die Begrüßung bei „Wetten, dass… ?“ mutet seltsam an: Gottschalk, kühl und nervös, verzichtet auf den obligatorischen Stand-Up und geht direkt nach dem tosenden Einstiegsapplaus zur zwitterhaften Stadt-/Saal-Wette über. Ich fühle mich ein bißchen weniger angekommen als sonst, schaue aber tapfer weiter zu.

Jörg Pilawa wird als erster Gast auf die Couch gebeten. Mich erinnert er an die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“, Gottschalk hingegen kündigt ihn ganz bescheiden als Vertreter des Bildungsfernsehens an: Schließlich moderiere der Kollege ja Quizsendungen und als Zuschauer sei man hinterher immer etwas schlauer. Und schon legen die beiden los und betreiben ein scheinheiliges Format-Bashing gegen das Dschungelcamp.

Eine derart große Ansammlung von Silikon sei einzigartig in Deutschland – und sowas wolle ja nun wirklich niemand sehen. Ich frage mich jedoch, ob die Brust-OP-Quote von Gottschalks Damenbesuch wirklich deutlich kleiner ist. Im Dschungel liegt der Schnitt bei 3:2 (und das Implantant, wie wir gelernt haben, über oder unter dem Muskel) und dieses Verhältnis scheint mir für Hollywood-Schönheiten und deutsche Promi-Ladies generell eine realistische Schätzung.

Ob es eine Option sei, wenn sich Moderatoren ihres Kalibers auch einmal mit ekligem Getier umgeben würden, lautet Gottschalks nächste Frage sinngemäß. Die Antwort des unfassbar überheblich wirkenden Pilawa ist natürlich ganz klar nein, das Publikum wird durch eine übertrieben lange Pause zu einem ungewollten Zwischenapplaus gezwungen.

Aber ob nun Gottschalk als Würstchen im Senftopf badet oder Peter Bond geaalschleimt und gefedert wird, das Niveau ist absolut das gleiche – nur die gute Quote liegt eben nicht mehr beim sinkenden Samstagabend-Flagschiff und seinem divenhaften, gekränkten Moderator, der sich damit nicht so recht abfinden mag.

Noch während des Talks mit Pilawa erkläre ich den „Wetten, dass… ?“-Abend für beendet. Eine gute Entscheidung, wie sich hinterher herausstellt. Denn auch die Kot-Wette und die transig-tuckige Karnevalsgarde sind deutliche Anbiederungen an das offziell verhasste, insgeheim aber zum Vorbild genommene RTL-Konkurrenzprogramm.

Den Quotenkampf entscheidet „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ übrigens mit 37,5 zu 24 Prozent Zielgruppen-Marktanteil klar für sich. Und auch in puncto Öffentlichkeitswirkung und Medienecho liegt der Dschungeltrash vorn: SPIEGEL ONLINE etwa veröffentlicht sage und schreibe drei Artikel zum Finale von „IBES“ und einen zum Thema „Wetten, dass… ?“.  ■

http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=32738&p3=

 

Kurzmeldung: Schäfer-Gümbel kein unbeschriebenes Blatt

Schäfer-Gümbel

Vor der Kamera schon ein alter Hase: Schäfer-Gümbel

No-Name, Schattenmann, Nobody, unbekannter Abgeordneter, … Lang ist die Liste der Titel mit der deutsche Medien derzeit Thorsten Schäfer-Gümbel, den SPD-Spitzenkandidaten in Hessen, bedenken.

Aber: Schlecht recherchiert und wie immer munter voneinander abgeschrieben. Findige Fernsehzuschauer haben natürlich sofort bemerkt, dass Schäfer-Gümbel bereits seit 2005 die Clipsendung „Upps! – Die Pannenshow“ auf Super RTL moderiert. ■

Flop! Die Misserfolgsshow?

Enttäuschte Gesichter bei Sat.1: Weniger als zwei Millionen Zuschauer konnten sich für «Peng! Die Westernshow» begeistern.

Barbara Schöneberger

3,5 Sekunden hoch zu Bulle: Barbara Schöneberger

Heftiges Getuschel war in Branchenkreisen zu vernehmen, als sich Sat.1 Anfang August 27 Titel à la „Peng! Die Westernshow“ im deutschen Titelschutz Anzeiger sicherte. Albern, billig, niveaulos. Aber, hey, wo ist die Überraschung? So sind wir es von Sat.1 gewohnt. Seit Jahren verwöhnt uns der Bällchensender schließlich mit dem „Sat.1 Film Film“ – dem absoluten Dummtitel-Original. Und auch „XXO – Fritz und Co.“ und „Das Goldene Ei“ zeugten ihrerzeit nicht gerade von feingeistigen Höhenflügen.

Um so entsetzter bin ich, als ich mir die Wiederholung der Auftaktsendung am heutigen Sonntagmittag zu Gemüte führe: Die Show gefällt mir! Denn sie ist irgendwie altmodisch – im besten Sinne. Ein leichter Hauch 80er-Jahre-Flair weht durch meine Stube. Spiel ohne Grenzen, Dalli Dalli, sehr nett.

Jeweils drei Prominente treten pro Sendung gegen drei spontan aus dem Publikum ausgewählte Kandidaten an. Die Kontrahenten duellieren sich in mehreren sogenannten „Actionspielen“. Die Verlierermannschaft eines Spiels kann den Verlust des Punktes in einem sogenannten „Köpfchenspiel“ wieder ausgleichen. Die Wettbewerbe variieren von Sendung zu Sendung und orientieren sich am jeweiligen Titel. Nun gut, wie gesagt kein bahnbrechend neues Konzept, aber es kommt ja vor allem auf die Umsetzung an.

Und die konnte mich überzeugen: Niemand moderiert so routiniert-teilnahmslos und doch zugleich so angenehm wie Hugo Egon Balder. Seine jahrzehntelange Erfahrung im kostengünstigen Gaga- und Kirmes-TV-Bereich wirkt sich extrem positiv auf die Stimmung aus. Als Action-Kracher, nach denen man sprachlos Mund und Nase aufsperrt, kann man die Spiele wahrlich nicht bezeichnen, aber Parcours und Übungen sind liebevoll gestaltet und lassen einen gewissen Witz nicht vermissen. So wird das für eine Westernsendung unvermeidliche Rodeoreiten nicht auf einem motorisierten Bullen sondern auf einer aufblasbaren Variante ausgetragen, an der sich die gegnerische Mannschaft mit bester Mannes- und Frauenkraft zu schaffen macht. Samstagabend-Stimmung und die alte „Alles nichts oder“-Anarchie blitzen auf, wenn Balder spontan Spielzeiten verlängert oder sich auf die Seite der Publikumsteilnehmer stellt („Bei Gleichstand gewinnt mein Team“).

Die geladene Prominenz stammt – wie es zu erwarten war – aus den Kategorien B-D. Aber das tut der guten Atmosphäre keinen Abbruch, denn alle erweisen sich als gut aufgelegt. Barbara Schöneberger, trotz ihrer Gastgeberposition bei der „NDR Talkshow“ hauptberuflich offenbar immer noch selbst Gast, präsentiert sich vor allem beim Bullenreiten ausgelassen und insgesamt gewohnt fröhlich-schlagfertig. Offenbar ist es die Routine für peinliche bis infantile Spiele aus ihrer Kult-Sendung „Blondes Gift“, die sich hier bemerkbar macht.  Schauspieler Ingo Naujoks eignet sich vor allem aufgrund seiner Vorliebe für Western für die Sendung und Moderatorenazubi Oliver Petszokat macht vom Seilspringen bis hin zum Pferdchenreiten eine sportliche Figur. Ein überraschend gut harmonierendes Team für den Auftakt.

Schade dass die Premierensendung am Freitagabend nur magere 9,7 Prozent in der Zielgruppe eingefahren hat. Auch beim Gesamtpublikum sieht es mit einem Wert von 6,4 Prozent nicht besser aus. Die Quotendurststrecke auf dem 20.15-Uhr-Sendeplatz ist für Sat.1 also noch nicht beendet. Dass sich das Blatt mit „Holldriöh! Die Alpenshow“ am nächste Woche grundlegend wandelt, darf bezweifelt werden. Zu Gast sind dann Guido Cantz, Sonya Kraus und Bernhard Hoecker.

Bereits in den Startlöchern stehen „Schlotter! Die Gruselshow“ und „Aloha! Die Südseeshow“. Ob die restlichen 23 Titel ebenfalls umgesetzt werden, muss die Quotenentwicklung erweisen.  ■

http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=30848

 

Wetten, dass… bald Schluss ist?

Ich hab Thomas Gottschalk gern. Wirklich. Er ist sympathisch, lustig, schlagfertig. Aber ich mache mir große Sorgen um „Wetten, dass…?“. Am Samstag hatte das Flagschiff erstmals weniger als 10 Millionen Zuschauer. Und irgendwie habe auch ich stellenweise nicht so gern hingesehen …

Bald Schluss?

Bald Schluss?

Das Gefühl, mit guten Freunden einen geselligen Abend verbracht zu haben – meines Erachtens das Alleinstellungsmerkmal von „Wetten, dass…?“ – stellte sich dieses Mal leider nicht ein. Zu unrund kam die Sendung daher, überrascht wurde man als Zuschauer meist negativ.

Bereits nach dem halbwegs galanten Geplauder mit Günther Jauch kamen sich die beiden Wettkandidaten, zwei unausgelastete Bürokraten Büroakrobaten, ziemlich witzig vor. Das Publikum strafte ihre vorbereiteten Sprüchlein („Wette gewonnen, Zähne verloren“) mit eiserner Stille.

Weiter ging’s mit der Entzauberung eines Helden: Gewichtheber Matthias Steiner, der uns mit seiner sportlichen Leistung bei den Olympischen Spielen begeisterte und durch seine liebevolle Geste bei der Medaillenverleihung zu dem ein oder anderen Tränchen rührte, entpuppte sich als seltsam unsympathisch. Zu gern wollte er beweisen, dass man als Gewichtheber nicht nur was in den Schienen sondern auch im Köpfchen haben kann. Besserwisserisches Palavern oder Einfach-mal-auf-Englisch-das-Wort-Ergreifen dürften seine Chancen auf hochdotierte Werbeverträge für leistungsstarke Küchenmaschinen oder hammerharte Urinsteinentferner wieder ein wenig zunichte gemacht haben.

Dann gab’s noch die schwangere Anke Engelke und diese andere Frau, bei der sich alle (inklusive sie selbst) fragten, warum sie überhaupt mitgekommen war. Aufgrund der geschickten Sitzordnung geriet Fernsehkommissarin Ulrike Kriener schnell in Vergessenheit, auch wenn Thomas Gottschalk es sich nicht nehmen ließ, ab und an aus Höflichkeit das Wort an sie zu richten.

Mick Hucknall, der Frontmann von Simply Red, war wiederum extra gekommen, um nicht in Vergessenheit zu raten. Zwar liegen alle Erfolge der Soulcombo längst im letzten Jahrtausend und eine neue CD ist auch nicht in Sicht, doch nach seinem Medley bemerkte der Sänger folgerichtig „Ich wohne schon hier“.

Die bezaubernde Uma Thurman hat hoffentlich keinen all zu schlechten Eindruck von Deutschland bekommen, denn obwohl sie sich beeindruckend charmant gab, quittierte das Saalpublikum ihre Antworten meist ohne Regung. Fast peinlich sind mir diese Situationen, in denen internationale Gäste erfolglos auf einen Zwischenapplaus warten, der Günther Jauch und Co. ohne Weiteres spendiert wird.

Vielleicht ist hieran aber auch die ungelenke Synchronübersetzung schuld, die sich in dieser Sendung auch an anderer Stelle wieder einmal ganz besonders als stimmungstötend hervortat: Minutenlang rätselte man, was sich hinter dem von Koch Jamie Oliver eingeworfenen Gericht „codsemen“ (?), vermutlich Kabeljau-Samen, verbergen könnte. Von „Lachs“ bis „Ejakulat“ war alles im Angebot und Thomas Gottschalks hastiger Themenwechsel mündete auch noch etwas unbeholfen in einem indirekten Affront gegen den Starkoch, da Kochshows angeblich sterbenslangweilig seien.

Zu groß wurde in dieser Sendung meiner Meinung nach der Kindchenfaktor geschrieben. Denn gleich mehrere Pimpfe versuchten mit ihren atemberaubenden Fähigkeiten zu punkten. Der redselige Jeremy Becker etwa kannte alle 43 amerikanischen Präsidenten beim Namen und konnte sie ihrer Amtszeit zuordnen. Das ist sicherlich mindestens so beeindruckend, als wenn sich ein Schüler die Namen und Geburtstage seiner Mitschüler merken kann. Und das kleine Stadtwetten-Paulinchen eiferte dem erfolgsverwöhnten Pianisten Lang Lang nach, indem es den Flohwalzer in 10.12 Sekunden runterratterte.

Thomas Gottschalk, in seiner unbeschreiblich verwirrten Art, war am Ende der Meinung, er müsse nach verlorener Wette seinen Einsatz einlösen und einen Bären füttern. Doch zu früh gefreut – zumindest als Zuschauer, denn nach Aufklärung des Missverständnisses (er hatte die Stadtwette in Wirklichkeit gewonnen) folgte nur noch eine unspektakuläre Abmoderation.

Aber all der Nörgelei zum Trotz: Lieber Thomas, gib nicht auf! Vielleicht reichen ja in Zukunft vier Sendungen pro Jahr. Oder setz‘ mal eine Staffel aus. Denn gerade nach über zwanzig Jahren gilt: Nichts im Übermaß! Das ist das Gesetz der Serie … ■

http://www.wetten-dass.de

 

Der Deutsche Fernsehscheiß 2008

„Eklat“ bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises: Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker und Gastgeber der in den 90er Jahren eingestellten Fernsehsendung „Das literarische Quartett“, mag die Auszeichnung für sein Lebenswerk nicht annehmen.

„Ich finde das auch schlimm, dass ich das hier erleben musste“, poltert der resolute 88-Jährige am Samstagabend im Coloneum ins Mikrofon und holt aus zum Rundumschlag gegen die versammelte Medienbranche. Früher habe er häufig Wichtiges im 3sat-Programm gesehen, aber das habe sich jetzt geändert. „Meist kommen da schwache Sachen, aber nicht diesen Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben.“

Eine Diskussion um niveauvolles Programm scheint mir durchaus angebracht, aber Marcel Reich-Ranicki mit seiner Globalkritik ist mir zu undifferenziert. Natürlich war sein Auftritt extrem unterhaltsam und ohne Zweifel der Höhepunkt des Abends. Aber auf mich macht er den Eindruck eines abgekapselten Intellektuellen, der — durch die Ehrung aufgeschreckt — seit Langem wieder einmal in Kontakt mit dem Medium Fernsehen gekommen ist. Ich lobe Thomas Gottschalks gütlichen Vorschlag einer Sondersendung zur Lage der Fernsehlandschaft. Sein Einfall zeugt von Kompetenz und Größe und ist zugleich Beweis seiner guten Gastgeberqualitäten, die ihm so häufig abgesprochen werden. (Nicht auszudenken, wenn sich eine solche Szene schon letztes Jahr bei Moderationsmaschine Marco Schreyl abgespielt hätte!) Dennoch verspreche ich mir von dem Termin am kommenden Freitag im ZDF nicht viel: Marcel Reich-Ranicki wird poltern ohne wirklich Ahnung zu haben und — seien wir doch ganz ehrlich — beschränkte man sich darauf ausschließlich Programme zu senden, die dem Literaturkritiker angebracht erschienen, würden geschätzte 80 % der Deutschen ihre Abende fortan im Internet verbringen. (Nicht auszudenken, was passiert, wenn sich der alte Herr einmal unverhofft in den Untiefen dieses Mediums verirren sollte…)

Ein Diskurs mit Senderchefs, Fernsehmachern und Zuschauern könnte zwar fruchtbarer sein und handfestere Ideen hervorbringen, doch auch auf diese Weise dürfte sich nur schwerlich eine spürbare Besserung herbeiführen lassen. Denn: Die Macht der Zuschauer ist zwar groß, aber solange wir unser „Dann schauen wir eben was kommt“-Verhalten nicht ablegen, wird es für die Verantwortlichen keine Notwendigkeit zur Änderung geben.

Zurück zur Preisverleihung und hin zur Frage „Was wäre der Deutsche Fernsehpreis ohne den Eklat gewesen“? Nur ein weiterer kläglicher Versuch, aus Köln-Ossendorf Hollywood zu machen. Das Coloneum ist eben nicht das Kodak Theatre und die dudelige Konservenmusik von Uwe Fahrenkrog-Petersen bei weitem nicht so stimmungsvoll wie ein vollbesetzes Live-Orchester. Als Zuschauer gähne ich bereits zu Beginn, als Christiane Hörbiger mit vollkommen unangebrachtem Pathos ihre witzlose Laudatio auf die „Beste Serie“ abliest, und ich ekele mich kurz darauf vor Jan-Josef Liefers überheblichem Auftreten. Veronica Ferres ist gefühlt jedes Jahr nominiert, hat den Preis aber überraschenderweise zum ersten Mal bekommen. Häufig habe ich den Eindruck, dass Sendungen nur deshalb nominiert sind, weil man andernfalls nicht drei Favoriten pro Kategorie zusammenbekommen würde: „Achtung! Hartwich“ als beste Late-Night-Unterhaltung vorzuschlagen, entbehrt jedenfalls aufgrund des mauen Konzepts und der noch schlechteren Quoten jeglicher Grundlage.

Ja — und dann gewinnt auch noch „Deutschland sucht den Superstar“ den Preis als „Beste Unterhaltungssendung“. Die Kernidee der Show ist sicherlich interessant und ohne weiteres preisverdächtig. Zudem ist die Sendung hochwertig produziert, keine Frage: Musiziert wird mit einer großen Studioband, die Übertragung erfolgt live. Aber das Drumherum — die Castingberichterstattung, die aufgebauschten Skandälchen, die grottige Moderation und das Abservieren der Sieger pünktlich zur neuen Staffel — hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Prompt untermauert Fettnäpfchen-Talent Marco Schreyl diesen Eindruck als es in seiner „Dankesrede“ unbeholfen aus ihm herausbricht: „Ihr Kritiker könnt uns vielleicht nicht leiden, aber von den Zuschauern werden wir geliebt. Und deshalb machen wir weiter – noch gaaaanz lange.“ (sinngemäß)

Aber es gibt auch Highlights an diesem Abend, die alle Mittelmäßigkeit und Möchtegernbemühungen vergessen machen: Die Dankesrede von Michael Gwisdek ist köstlich und Ralf Schmitz ist wider Erwarten nicht peinlich albern sondern charmant und herzlich. Merke: Mit den richtigen Leuten klappt’s.

Abschließend kann ich nur den Kopf schütteln über Elke Heidenreich. Sie wettert in ihrer FAZ-Kolumne nicht nur gegen den Fernsehpreis an sich („armselige, grottendumme Veranstaltung“) sondern auch gegen Moderator Thomas Gottschalk („nicht intelligent, nicht charmant, keinen Witz“). Leider erinnert mich ihr Verhalten sehr an die Fabel vom Fuchs und den Trauben. Schließlich wäre sie selbst gern als Laudatorin für MRR Teil dieser „hirnlosen Scheiße“ gewesen und war durchaus pikiert als man ihr mitteilte, Thomas Gottschalk werde die Überreichung des Ehrenpreises selbst vornehmen. Wenn sie ein Problem mit derartigen Veranstaltungen hat und sich eigentlich nur beim Henri-Nannen-Preis wohlfühlt, wundert es mich doch sehr, dass sie vor nicht all zu langer Zeit freudestrahlend und kritiklos einen „Bambi“ entgegen genommen hat bzw. sich nach ihren Erfahrungen dort trotzdem noch zum Fernsehpreis schleppt.

Schließen möchte ich heute mit einem Zitat von Thomas Gottschalk, der die Geschehnisse des Abends ungewöhnlich treffend zusammenfasst: „Wenn ich als schlichtes Gemüt in der Blüte meiner Jahre schon bisweilen am Niveau unseres Fernsehens verzweifle, darf man sich nicht wundern, wenn ein Intellektueller im Herbst seines Lebens davor die Flucht ergreift.“ ■

http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EE91B6E359E494E34BE66891A5D35B7AB~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  

Achtung! Hartwich — Lustig? Gar nicht…

Daniel Hartwich ist der neue Shootingstar am Comedy-Himmel — jedenfalls laut RTL-Pressemitteilung. Die Quoten der „satirischen Comedy-Show“ sprechen eine andere Sprache…

Daniel HartwichZugegeben — es ist schwer im Comedy-Bereich etwas Neues zu bieten. „Achtung! Hartwich“ macht sich diese Mühe gar nicht erst und setzt auf etablierte Bausteine gastgeberfokussierter Late-Shows: Freche Interviews mit Prominenten auf dem Roten Teppich, das Überprüfen dubioser Werbeversprechen und ein paar sendereigene Gesichter als Gäste im Studio — alles schon mal dagewesen, nur leider irgendwie besser.

Der Grund des Übels liegt dabei weniger im bunt zusammengeklauten Konzept, sondern vielmehr beim Moderator der Sendung. Etwas unflätig ausgedrückt: Jeder pickelige 13-jährige, der in seine Handykamera furzt und das Ergebnis bei YouTube hochlädt, hat mehr komödiantisches Talent als Hartwich. Die lustigen Sprüchlein seiner Autoren lernt er brav auswendig und schmettert sie selbstsicher und voll Inbrunst ins Publikum — beinahe arrogant wirkt er dabei. Sein Timing ist allerdings grauenhaft und sobald es darum geht, spontan und auf sich allein gestellt eine unterhaltsame Antwort zu produzieren, stellt ihn jeder noch so mickrige C-Promi in den Schatten. In der ersten Sendung verkündete Hartwich den Wunsch, einmal in der Klatschpresse erwähnt zu werden. Studiogast Ross Antony bot selbstlos Hilfe an und küsste den Moderator spontan mitten auf den Mund. Dieser war daraufhin so perplex, dass er sich erst mehrere Sekunden sammeln musste, bevor ihm eine mäßig originelle Replique einfiel.

Fremdscham ist daher leider das überwiegende Gefühl beim Anschauen der Sendung. Ein Beispiel: Hartwich fragt Sir Ben Kingsley auf dem Roten Teppich, ob er wisse, dass er in Deutschland von einer 80-jährigen Oma synchronisiert werde. Dieser antwortet, dass er seine Synchronstimme bereits persönlich kennengelernt habe. Ein derart missglückter Scherz dürfte gern der Schnittschere zum Opfer fallen, zumal Hartwich durch weiteres Nachfragen die Situation nicht lustiger macht. Aber wenn nichts Besseres im Kasten ist…

Natürlich gibt es auch schöne Momente mit Hartwich: Wenn der „Shootingstar“ mit blankgezogenem „Hartwichtelchen“ durch Kölns Fußgängerzone spaziert und sich so nebenbei als eines der seltenen männlichen Exemplare mit Cellulite outet, dürfte jeder Frau vor Mitgefühl ganz warm ums Herz werden. Doch im Ernst: Wirklich nett gibt sich Hartwich, wenn er seinen weiblichen Gästen am Ende der Sendung einen Blumenstrauß überreicht — ein bißchen altmodisch, aber eben auch sehr sympathisch.

Drücken wir Hartwich die Daumen, dass er seine Leistungen verbessern kann und noch die Kurve kriegt. Angesichts des Quotenabsturzes in Woche 3 (nur 6,7 % Marktanteil beim Gesamtpublikum und 9,7 % in der Zielgruppe) könnte ihm die Zeit knapp werden. Aber wahrscheinlich übernimmt eh Dauergast Ross Antony die Moderation des Formats — dann hätte er Hartwich sogar im doppelten Sinn die Show gestohlen. ■

http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=25560